„Ohne TeBe wären wir heute längst nicht so weit.“ – Gerd Liesegang im Interview mit FfgH

Gerd Liesegang bei der Verleihung des Respektpreises 2016 Foto: @LSVD_Tatjana_Meyer

Vor zwei Tagen berichteten wir vom #Regenbogengate bei Tennis Borussia. Dort versuchte die Vereinsführung vergangenen Sonntag das Hissen einer Regenbogenfahne u.a. mit der Begründung zu verhindern, dies könnte gegen Regularien übergeordneter Verbände verstoßen. Wir haben dazu Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes, in einem Interview befragt.

Herr Liesegang, Sie kennen den aktuellen Konflikt bei Tennis Borussia. Vorstand und Geschäftsführung argumentieren, sie könnten den Mitgliederbeschluss zum
Aufhängen der Fahne nicht umsetzen und verweisen dabei u.a. auf „zwingende Vorgaben aus den Allgemeinen Grundsätzen des DFB und des BFV“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Also ich bin sehr, sehr irritiert über diese Argumentation, denn es gibt aus Sicht unseres Verbandes rein gar nichts, was gegen das Aufhängen dieser Fahne spricht. Ganz im Gegenteil, diese Aktion ist ja absolut vorbildlich. Für uns als Verband ist es eine der wichtigsten Aufgaben, das Miteinander im Sport zu fördern und Ausgrenzung entgegenzutreten. Wenn das gegen unsere Statuten verstieße, müssten wir uns ja permanent selber bestrafen.

Ist Ihnen bekannt, ob sich die TeBe-Geschäftsführung mit dem Verband in Verbindung gesetzt und gesagt hat: Wir haben da einen Mitgliederbeschluss, bei dem wir nicht sicher sind, ob er im Einklang mit den Verbandsstatuten steht, wir bräuchten daher mal eine Expertise des Verbandes?

Nein, dabei wäre ein solches Vorgehen ja eigentlich naheliegend gewesen. Aber es gab im letzten halben Jahr nie irgendeine Kontaktaufnahme in dieser Richtung.

Vereine haben sich mitunter mit Gewalt, Rassismus oder Antisemitismus in ihrem Anhang auseinanderzusetzen. Tennis Borussia hingegen versucht momentan mit aller Macht, ein Symbol des Respekts zu verhindern. Hatten Sie so einen Fall schon mal?

Nein, das ist auch für uns ein völlig neuer Vorgang. Und wir sind mehr als überrascht, dass so etwas ausgerechnet bei TeBe stattfindet, die ja immer absolute Vorreiter bei diesem Thema waren. Was zu dieser 180-Grad-Wendung geführt hat, weiß ich nicht. Es ist nur offensichtlich, dass das nicht repräsentativ für die Mitgliedschaft von Tennis Borussia ist. Wir werden uns bemühen, uns demnächst mal mit dem Verein zusammenzusetzen. Auf jeden Fall geht es nicht, dass die herumrennen und erzählen, der Verband verbietet uns dies und das. Das entbehrt jeglicher Grundlage.

Die Verantwortlichen haben angekündigt, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ein erneutes Hissen der Fahne zu verhindern.

Wir als Verband können die Verantwortlichen nur eindringlich warnen, die Eskalation noch weiter voranzutreiben. Gerade das Spiel am Sonntag hat doch die riesengroße Unterstützung für die Aktion gezeigt. Und unter den Unterstützern befinden sich ja auch Persönlichkeiten wie Christian Gaebler oder der Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann. Ein Verein braucht kein Mitgliedervotum für eine solche Fahne, aber wenn er dann sogar ein so eindeutiges erhält, dann ist das noch schöner. Wenn er dann immer noch dagegen ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Mir scheint, dass da vorschnell eine Haltung eingenommen wurde, die dringend überdacht werden sollte. Entscheidungen zu hinterfragen und sie gegebenenfalls zu korrigieren zeugt ja nicht von Schwäche, ganz im Gegenteil. Und wir haben nun wirklich andere Sorgen auf der Welt, als einen Kampf gegen Zeichen des Respekts zu führen.

Nachdem sich die Argumente gegen den Mitgliederbeschluss als nicht valide erwiesen haben, drängt sich der Eindruck auf, bei TeBe habe man Angst, den „Durchschnittsfan“ zu vergraulen. Sind Fußballfans heute denn nicht sehr viel weiter, als es bei der Geschäftsführung angekommen ist?

Entschuldigung, aber da muss ich wirklich lachen, wenn heute noch jemand solche Überlegungen anstellen sollte. Wenn man sich überlegt, was in die letzten Jahre alles in den
Bundesligastadien lief. Zehntausende von Fans in allen möglichen Stadien, die sich an Aktionen gegen Homophobie beteiligten. Und TeBe hat das alles ins Rollen gebracht. Die haben andere wachgerüttelt, anderen Mut gemacht, indem sie lange vor allen anderen Clubs, auch lange vor uns in den Verbänden, an dem Thema dran waren. Sie haben ihr Banner „Fußballfans gegen Homophobie“ quer durch die Fußballwelt wandern lassen und bewiesen: Diejenigen, die ein Problem mit diesem Thema haben, sind vielleicht laut, aber deutlich in der Minderheit. Ohne TeBe wären wir heute längst nicht so weit bei diesem Thema.

Wie lautet ihre Empfehlung an die Geschäftsführung von TeBe?

Wie ich schon sagte, man sollte da wirklich nochmal ganz in Ruhe in sich gehen. Sicher gibt es auch ein paar Leute, die ein Problem mit einer solchen Fahne haben, aber wollen wir
ausgerechnet auf diejenigen Rücksicht nehmen? Oder wollen wir lieber die in die in die Stadion holen, die für ein respektvolles Miteinander einstehen? Die Engstirnigen haben den Fußball viel zu lange kaputtgemacht, aber die werden zum Glück immer weniger. Und der Sonntag im Mommsenstadion war doch ein beeindruckendes Bekenntnis für diese Fahne und alles, wofür sie steht. Gleichzeitig ist es traurig, wenn sich Menschen schützend um einen Fahnenmast stellen müssen, um ein Symbol des Respekts zu verteidigen. TeBe sollte sich wieder auf seine Tradition besinnen und schönere Geschichten schreiben.


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